“Toxisches Arbeitsumfeld”: Kritik an Jeff Bezos’ Blue Origin wchst

Essay von Mitarbeitern und Ex-Angestellten weist auf Missstnde bei Blue Origin hin
Berichte ber Sexismus und Diskriminierung
Druck von Fhrungsebene soll zu Sicherheitsmngeln fhren

Jeff Bezos nach Amazon-Abgang: mehr Zeit fr Blue Origin



Nach 27 Jahren an der Spitze kndigte Amazon-Grnder Jeff Bezos Anfang des Jahres seinen Rcktritt als Vorstandschef an. Zwar behlt der Unternehmer die Position des geschftsfhrenden Vorsitzenden des Verwaltungsrats, seit dem 5. Juli hat nun aber Andy Jassy, der bereits seit 1997 im Unternehmen ttig ist und vor seiner CEO-Position die Cloudsparte Amazon Web Services (AWS) leitete, die Leitung des Versandhndlers inne. Fr Bezos selbst bedeutet der Rckzug aus der Unternehmensfhrung aber keineswegs mehr Freizeit: Stattdessen will sich der Geschftsmann seinen zahlreichen anderen Projekten widmen, allen voran dem Raumfahrtunternehmen Blue Origin, das er kurzerhand als den wichtigsten Job seines Lebens bezeichnete.

“berwltigendes Gefhl des Unbehagens”: Essay weist auf Missstnde hin



Nun wchst allerdings die Kritik am Raketenbauer. Wie Alexandra Abrams, ehemalige Leiterin der Mitarbeiterkommunikation von Blue Origin, und 20 weitere Mitarbeiter und ehemalige Beschftigte des Raumfahrunternehmens in einem Essay, der auf der Medienplattform “Lioness” erschien, anklagen, herrscht bei dem innovativen Konzern eine toxische und veraltete Arbeitsatmosphre. “Viele von uns haben ihre berufliche Laufbahn damit verbracht, davon zu trumen, eine Rakete mit Besatzung in den Weltraum zu bringen und sie sicher auf der Erde landen zu sehen”, ist auf der Webseite zu lesen. “Doch als Jeff Bezos im Juli dieses Jahres ins All flog, teilten wir seine Freude nicht. Stattdessen sahen viele von uns mit einem berwltigenden Gefhl des Unbehagens zu. Einige von uns konnten es gar nicht ertragen, zuzusehen.” So brste sich Blue Origin auf seiner Unternehmenswebseite damit, ein Zukunftsszenario ermglichen zu wollen, in dem Menschen im Weltall wohnen und arbeiten. “Aber wenn die Kultur und das Arbeitsumfeld dieses Unternehmens eine Vorlage fr die Zukunft sind, die Jeff Bezos sich vorstellt, dann bewegen wir uns in eine Richtung, die das Schlimmste der Welt widerspiegelt, in der wir jetzt leben, und die sich dringend ndern muss.”

Unangemessenes Verhalten gegenber Frauen an der Tagesordnung



So kritisieren Abrams & Co., dass der Groteil der 3.600 Mitarbeiter des Unternehmens, die die Zukunft aller mitformen sollen, aus weien Mnnern besteht. Der Frauenanteil an leitenden Technikern und Programmverantwortlichen entspreche auerdem Null. “Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Belegschaft sind in der Raumfahrtindustrie blich, aber bei Blue Origin uern sie sich auch in einer besonderen Art von Sexismus”, so die Gruppe von Mitarbeitern und Ex-Mitarbeitern weiter. Unangemessenes Verhalten gegenber Frauen von Seiten leitender Angestellter seien keine Seltenheit und unternehmensweit bekannt. Als Beispiel wird im Essay ein leitender Angestellter aus dem inneren Kreis von CEO Bob Smith genannt, der sich der Personalabteilung zwar mehrfach wegen Vorwrfen von sexueller Belstigung stellen musste, von Smith persnlich aber zum Mitglied des Einstellungskomitees fr die Besetzung einer leitenden HR-Position im Jahr 2019 ernannt worden sei. Ein weiterer ehemaliger Angestellter mit leitender Funktion habe Frauen auerdem immer wieder herablassend behandelt und dabei Begriffe wie “kleines Mdchen”, “Pppchen” oder “Schtzchen” fallen lassen. “Sein unangemessenes Verhalten war so bekannt, dass einige Frauen im Unternehmen neue weibliche Mitarbeiter warnten, sich von ihm fernzuhalten, und das, whrend er fr die Einstellung von Mitarbeitern zustndig war.” Laut den Autoren des Texts entstand oftmals der Eindruck, dass der betreffende Mitarbeiter durch seine persnliche Beziehung zu Bezos selbst geschtzt war, ehe es zu einem ttlichen Angriff auf eine Mitarbeiterin kam, die schlielich seine Entlassung zur Folge hatte. Der Bericht enthlt zahlreiche weitere Beispiele fr Sexismus bei Blue Origin.

Nachhaltigkeit kein Thema von Prioritt



Aber nicht nur die Diskriminierung von weiblichen Angestellten bemngeln Abrams & Co. in ihrem Essay. Auch aus Sicht des Umweltschutzes gebe es bei Blue Origin noch viel Bedarf zum Nachbessern. “Das Unternehmen verkndet, dass es eine bessere Welt aufbauen wird, weil wir auf dem besten Weg sind, diese Welt zu ruinieren, aber niemand von uns hat gesehen, dass Blue Origin konkrete Plne hat, kohlenstoffneutral zu werden oder seinen groen kologischen Fuabdruck deutlich zu reduzieren”, lautet die Kritik der Autoren. So habe Bezos die Wichtigkeit des Themas zwar ffentlich angesprochen und auch Geldspenden an Umweltorganisationen gettigt, Nachhaltigkeit haben die Mitarbeiter im Arbeitsalltag dennoch nie als Prioritt erlebt. Und auch wenn die Mitarbeiter selbst Bedenken am Umgang des Unternehmens mit der Umwelt geuert haben, bissen sie damit meist auf Granit. “Der 2020 erffnete Firmensitz ist kein LEED-zertifiziertes Gebude und wurde auf Feuchtgebieten errichtet, die fr den Bau trockengelegt wurden. Schlielich mussten die umliegenden Straen angehoben werden, um die daraus resultierenden schweren berschwemmungen abzumildern”, so das Urteil der Autoren. “Wir konnten nicht feststellen, dass Nachhaltigkeit, Klimawandel oder Klimagerechtigkeit den Entscheidungsprozess oder die Unternehmenskultur von Blue Origin beeinflussen.

Enormer psychischer Druck



Aber auch die psychischen Auswirkungen des Umgangs mit den Mitarbeitern sei nicht zu unterschtzen. So mssten viele Angestellte an ihre Belastungsgrenzen gehen. Laut den Autoren wurden in Memos der Fhrungsebene festgehalten, dass leitende Angestellte mehr aus ihren untergestellten Mitarbeitern herausholen sollen und diese es als “Privileg betrachten sollten, Teil der Geschichte zu sein”. Im Essay wird auch ber vormals engagierte Mitarbeiter berichtet, deren Leidenschaft fr das Weltall durch die Arbeit bei Blue Origin so sehr eingeschrnkt wurde, dass sie unter Selbstmordgedanken litten.

Sicherheitsmngel: US-Behrde will Vorwrfe prfen



Antreibende Kraft sei auch der Wettbewerb mit SpaceX und Virgin Galactic. So werde in Besprechungen der Fhrungsebene immer wieder die Frage gestellt “Wann werden Elon oder Branson fliegen?”, heit es im Essay weiter. Um nicht hinter der Konkurrenz zurckzufallen, werde bei Blue Origin mit Hochdruck gearbeitet – und das nicht nur auf Kosten der Mitarbeiter, sondern auch der Sicherheit, wie Abrams und Co. erklren. Einer der Ingenieure, der auch am Bericht mitgewirkt hat, gab an, dass Blue Origin von Glck sprechen knne, dass es bisher noch nicht zu einer Sicherheitskatastrophe kam. Auf die Forderung von Seiten der Mitarbeiter, mehr Personal oder Ausgaben zu genehmigen, heie es bei Blue Origin oft, dass man “vorsichtig mit Jeffs Geld umgehen”, “nicht mehr nachfragen” und “dankbar sein” solle. Sollten Mitarbeiter dennoch versuchen, fr bessere Arbeitsumstnde zu kmpfen, landen sie laut den Autoren auf einer Liste von “Unruhestiftern”, die an leitende Angestellte verteilt wird. Auf lange Sicht sollen diese dann aus dem Unternehmen gedrngt werden.


Wie “CNBC” berichtet, hat die US-Bundesluftfahrtbehrde Federal Aviation Administration nach der Verffentlichung des Essays erklrt, die genannten Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen und prfen zu wollen.

Kontrolle ber Mitarbeiter mithilfe von Klauseln



Um die Kontrolle ber das Unternehmen zu wahren und Kritik nicht an die ffentlichkeit gelangen zu lassen, soll Bezos selbst auerdem 2018 eine Initiative umgesetzt haben, die darauf abzielte, dass alle Mitarbeiter ihr Recht aufgeben, arbeitsrechtliche Streitigkeiten vor Gericht zu klren oder sich ber Belstigung oder diskriminierendes Verhalten zu uern. 2019 habe die Fhrungsebene dann von allen Mitarbeitern verlangt, neue Vertrge mit einer Nichtverleumdungsklausel zu unterzeichnen. Damit verpflichten sich nicht nur die Angestellten selbst, sondern auch deren Erben, kein schlechtes Wort ber Blue Origin zu verlieren. “Die Vertrge einiger ausscheidender Mitarbeiter sehen nun vor, dass sie die Anwaltskosten des Unternehmens bernehmen, falls dieses sie wegen Vertragsbruchs verklagen sollte”, heit es in dem Essay weiter. “Der innere Kreis der Fhrungskrfte verfolgte, wer unterschrieb, und besprach Notfallplne fr diejenigen, die nicht unterschrieben.”

“Egozentrische Individuen mit endlosen Geldspeichern”



Zwar geben die Autoren des Texts zu, dass kein Unternehmen perfekt sei, dies sei jedoch keine Entschuldigung fr das Verhalten der Fhrungsriege von Blue Origin. “Wir haben auf dem Planeten Erde viele Fehler gemacht. Sollten die Leiter eines Unternehmens, das sich selbst als die Lsung fr die Zukunft der Menschheit anpreist, nicht auch sicherstellen, dass ihr Unternehmen ethisch und verantwortungsbewusst arbeitet und einer Aufsicht unterliegt, die Verantwortlichkeit schafft und Sicherheit gewhrleistet? Nicht so bei Blue Origin”, resmieren Abrams & Co. “Sollten wir als Gesellschaft zulassen, dass egozentrische Individuen mit endlosen Geldspeichern und sehr wenig Rechenschaftspflicht diese Zukunft gestalten?”

Blue Origin weist Vorwrfe zurck



Nachdem der Essay auf der Online-Plattform verffentlicht wurde, meldete sich Linda Mills, Vizeprsidentin fr Kommunikation bei Blue Origin, zu Wort. “Blue Origin toleriert keine Diskriminierung oder Belstigung jeglicher Art”, wies Mills die Vorwrfe aus dem Essay zurck. “Wir bieten zahlreiche Mglichkeiten fr unsere Mitarbeiter, einschlielich einer anonymen 24/7-Hotline, und werden jeden neuen Vorwurf von Fehlverhalten umgehend untersuchen. Wir stehen zu unserer Sicherheitsbilanz und sind davon berzeugt, dass New Shepard das sicherste Raumfahrzeug ist, das jemals entwickelt oder gebaut wurde.” Auf die brigen Vorwrfe aus dem Essay ging die Kommunikationsleiterin nicht ein.

“Keine Angst mehr habe, mich zum Schweigen bringen zu lassen”



Abrams sei Mills zufolge vor zwei Jahren entlassen worden, nachdem sie mehrere Verwarnungen aufgrund des Verstoes gegen Bundes-Exportkontrollvorschriften erhielt. Gegenber CNBC gab Abrams anschlieend an, niemals eine Verwarnung in irgendeiner Form zu Problemen mit bundesstaatlichen Exportkontrollvorschriften erhalten zu haben. Im Gesprch mit “CBS Mornings” erklrte sie, dass sie die Kndigung erhielt, nachdem sie Kritik an der Einfhrung strengerer Vereinbarungen uerte, die den Mitarbeitern ihrer Meinung nach das Recht nhmen, Streitigkeiten vor Gericht auszutragen oder ber Diskriminierung zu sprechen. Auch habe sie selbst eine entsprechende Erklrung unterschrieben. Dennoch habe sie sich entschieden, mit den Missstnden bei Blue Origin an die ffentlichkeit zu gehen. “Ich habe mich so weit davon entfernt, dass ich keine Angst mehr habe, mich zum Schweigen bringen zu lassen”, so Abrams im Interview mit dem Sender.



Redaktion finanzen.net

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